Reiner Netwall: Tourismusziel – oder Wohn- und Lebensraum? Für wen ist Lüneburg da?
Wem gehört die Stadt, fragt Reiner Netwall, Vorstandsmitglied im Arbeitskreis Lüneburger Altstadt e.V. (ALA), in seiner Betrachtung im Vereinsheft „Aufrisse“, Nr. 40/2025. Der Tourismus in Lüneburg feiert immer neue Rekorde – doch das bleibt nicht ohne Folgen für die Menschen, die hier leben. Was kann, was muss geschehen, damit Lüneburg eine Zukunft als Wohn- und Lebensraum behält?
Mitteilung von: Reiner Netwall – Am: 15.03.2026
Kontakt: reiner.netwall@alaev-lueneburg.de – Foto: Christine Böhm.
Lüneburg: Stadt für Touristen oder Einheimische?
Das Geschäft mit dem Wohnraum – Eine Betrachtung von Reiner Netwall
Foto: Christine Böhm. Blick auf die Altstadt von Lüneburg, St. Johannis und Am Sande (Luftbild).
Reiner Netwall ist Vorstandsmitglied im Arbeitskreis Lüneburger Altstadt e.V. (ALA) und gab 2023 den Anstoß zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft Lüneburg zu Fuß, die sich für ein besseres Miteinander im Verkehr und sichere, barrierefreie Gehwege einsetzt. In seiner zweiteiligen Stellungnahme betrachtet er die aktuelle Stadtentwicklung im „Altstadtjuwel“ an der Ilmenau – und formuliert konkrete Forderungen an die Verantwortlichen in Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Der Aufsatz wurde zuerst veröffentlicht im Vereinsheft „Aufrisse“, Nr. 40/2025.
Reiner Netwall: Wem gehört die Stadt? Das Geschäft mit dem Wohnraum
Wem gehört die Stadt?
Verliert Lüneburg seine Authentizität?
Haben wir vom ALA einen Fehler gemacht, weil wir ein historisches Juwel geschaffen haben?
Drei provokante Fragen, die aufgrund der aktuellen Lage gar nicht mehr so provokativ sind …
Lüneburger Altstadt: Ein Gesamtkunstwerk findet Beachtung und Anerkennung
Lüneburg ist ein Gesamtkunstwerk. Viele historische Häuser, teils über 500 Jahre alt, wurden hier liebevoll und mit viel Herzblut von Mitgliedern im Arbeitskreis Lüneburger Altstadt e.V. (ALA) und anderen Lüneburgern saniert und restauriert. Es gibt wenig vergleichbare Städte mit soviel historischen Gebäuden – in den meisten Städten ist es gerade einmal die Kirche und das Rathaus.
Dieses Gesamtkunstwerk, diese Schönheit, dieses Flair ziehen auch viele Touristen und Investoren an. Dadurch verändert sich die Lüneburger Altstadt gerade im erheblichen Maße.
Ständig steigende Gäste- und Übernachtungszahlen – zur Freude der Tourismusbranche
In Medieninformationen der Lüneburg Marketing GmbH und der Hansestadt Lüneburg ist man stolz auf den ständigen Zuwachs an Touristen: „Im Jahr 2025 erreichte die Hansestadt mit 217.500 Gästeankünften erneut einen Höchstwert […] Mit 438.871 Übernachtungen im Jahr 2025 verzeichnete Lüneburg bereits das vierte Rekordjahr in Folge.“ Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt bei zwei Tagen. Auch die Zahl der Tagestouristen wächst: „Über 6 Millionen Tagestouristen im Jahr beleben durchgehend die Stadt“, meldete die Marketingagentur bereits 2025.
„Parallel zur positiven Besucherentwicklung wächst auch die touristische Infrastruktur: Die Zahl der geöffneten Beherbergungsbetriebe mit mindestens zehn Betten stieg von 26 (2024) auf 29 (2025).“ Für ein genaues Bild müsste man auch die Übernachtungen von Anbietern mit weniger als 10 Betten hinzurechnen, die statistisch nicht erfasst werden. Dann käme man wohl auf etwa die doppelte Anzahl von Übernachtungen.
- Hansestadt Lüneburg: Tourismusbilanz 2025 – Lüneburg weiter auf Wachstumskurs – 10.03.2026
Presseinformation der Lüneburg Marketing GmbH vom 10.03.2026. - Hansestadt Lüneburg: Tourismusbilanz 2024 erneut auf Rekordhoch – 27.02.2025
Lüneburg: Kein Museum, sondern Wohn- und Lebensraum
Gleich vorweg: Der ALA ist nicht gegen Tourismus und die damit verbundenen Ferienwohnungen. Im Gegenteil zeigen wir den Gästen sehr gerne unsere Stadt und freuen uns auf ihren Besuch. Aber: Die historische Altstadt soll nicht zu einem Museum werden, sondern ihren authentischen Charakter behalten.
Wir sind eine vielfältige Stadt, eine lebens- und liebenswerte Stadt. Alle Einwohnenden soll hier ihren Platz finden – eine vielfältige Gesellschaft, bereichert durch den Tourismus. Doch durch den Massentourismus ist ein besorgniserregender Wandel entstanden, der für „sozialen Sprengstoff“ sorgt und unübersehbar ist.
Massentourismus sorgt für „sozialen Sprengstoff“
Massentourismus? Doch nicht bei uns, wir sind doch nicht Barcelona, Rom, Venedig oder Amsterdam? Hier mal ein Vergleich:
- In Barcelona wird über „Overtourism“, also die Belastung durch übermäßigen Tourismus, geklagt. Barcelona hat 1,6 Million Einwohner und 16 Millionen Touristen pro Jahr – auf einen Einwohner kommen 10 Touristen.
- Lüneburg hat knapp 80.000 Einwohner und rund 6 Millionen Touristen pro Jahr – auf einen Einwohner kommen 75 Touristen.
- Generell besuchen Tagesgäste hauptsächlich die jeweilige Altstadt. Für Lüneburg bedeutet das bei nur 5.759 Bewohnern der Altstadt (Stand 22.01.2025) ein Verhältnis von 1.041 Touristen pro Einwohner im Jahr …
Altstadt Lüneburg: Ferienwohnungen statt Mietwohnungen
In der Lüneburger Altstadt ist auch klar zu erkennen, wie durch die zunehmenden Zahl an Ferienwohnungen immer weniger Menschen in der Altstadt wohnen. So lebten 2019 noch 6.027 Menschen hier. 2025 waren es nur noch 5.759. Weit über 1000 Ferienwohnungen und Zimmer werden allein bei Airbnb, booking.com und anderen Plattformen in Lüneburg angeboten.
Offiziell gemeldet sind bei der Stadt Lüneburg weniger als die Hälfte der im Internet angebotenen Wohnungen. Eine Kontrolle findet laut Aussagen einiger Behördenmitarbeiter aus Personalmangel nicht statt. Diese nicht genehmigten Ferienwohnungen werden teils auch ohne persönlichen Kontakt über das Internet gebucht. Der Wohnungsschlüssel befindet sich dann vor Ort in einer Box. ln Italien sind solche Schlüsselboxen schon teilweise verboten.
Wohnraum wird knapper – Mietpreise steigen
Die Nutzung von historischen Gebäuden für kommerzielle Zwecke in der Altstadt führen zu einem Authentizitätsverlust. Schlimmer noch: Durch die vielen Ferienwohnungen und den Wohnungsleerstand durch Spekulation geht dem normalen Wohnungsmarkt viel Wohnraum verloren. Eine Negativspirale beginnt.
Der knappe Wohnraum erhöht die Preise extrem, günstige Mietwohnungen sind in Lüneburg kaum noch zu finden. Die Mieten sind in den letzten 10 Jahren um 40 Prozent gestiegen. Studentenzimmer von 400 bis 600 € und Mieten von 14 bis 16 € pro Quadratmeter sind in der Altstadt inzwischen keine Seltenheit mehr.
Immer teurere Immobilien: Gute Rendite nur durch Ferienwohnungen
Auch findet man in der Altstadt kaum noch sanierte Häuser unter 700.000 €. Rechnet man dann noch den Makler, Grundbuch, Notar, die Grunderwerbsteuer und kleinere Renovierungsarbeiten obendrauf, ist bei diesen Kaufpreisen keine Rendite mit sozialverträglichen Mieten mehr zu erzielen. So geht die Spirale weiter, und es entstehen immer mehr Ferienwohnungen, die noch eine Rendite versprechen.
Einkommensschwächere Haushalte werden verdrängt
Dieser Trend ist besorgniserregend! Dadurch werden einkommensschwächere Menschen verdrängt oder gehen im Extremfall in die Obdachlosigkeit. Das gefährdet die soziale Stabilität. Dieser Wandel hat bereits unübersehbare Spuren hinterlassen. Folgen der sozialen Spaltung sind auch Farbschmierereien, Vandalismus, Müll, Diebstahl, Alkohol und andere Drogen. Um diese Verdrängung zu unterbinden hat der Gesetzgeber eine Erhaltungssatzung geschaffen, die in Lüneburg dringend umgesetzt werden müsste (Erhaltung und Zusammensetzung der Wohnbevölkerung, Baugesetzbuch § 172 Absatz 4).
- Bundesamt für Justiz: Baugesetzbuch § 172 – Erhaltung baulicher Anlagen und der Eigenart von Gebieten (Erhaltungssatzung)
Kaum bezahlbare Wohnungen: Verliert Lüneburg seine Zukunft?
Verliert Lüneburg seine Zukunft? Auf dem Wohnungsmarkt besteht dringender Handlungsbedarf. Das zeigt das Gewos-Wohnraumversorgungskonzept, das für die Hansestadt Lüneburg im März 2023 erstellt wurde. In Lüneburg fehlen aktuell mehr als 2000 Wohnungen, künftig sogar 3500 Wohnungen. Es fehlen kleine bezahlbare Wohnungen für Jüngere und auch erschwingliche 4-5-Zimmer-Wohnungen für Familien. Diese sind auf dem Lüneburger Wohnungsmarkt kaum noch zu finden. Die wenigen Wohnungen in diesem Segment sind für die meisten Familien unbezahlbar.
So verliert Lüneburg, trotz Wohnungs- und Hausleerstand, die nächsten Generationen – einschließlich ihrer Kaufkraft – an das Umland. Es ist wichtig, hier rechtzeitig die Weichen zu stellen. Damit Lüneburg weiterhin eine lebens- und liebenswerte Stadt bleibt, in der alle ihren Raum, ihr Zuhause finden.
Reiner Netwall – Kontakt: reinernetwall@web.de
- Reiner Netwall: Leerstände und Ausverkauf? Politik und Verwaltung müssen handeln – Teil II
Teil II erscheint in Kürze bei Lüne-Blog. Der Aufsatz wurde zuerst veröffentlicht im Vereinsheft „Aufrisse“, Nr. 40/2025. - ALA e.V.: Aufrisse
Die jährlich erscheinenden Aufrisse spiegeln Arbeit und Diskussion im Verein ALA e.V. Das aktuelle Heft Nr. 40/2025 kann in der Geschäftsstelle, Ohlingerstraße 7, Hintergebäude (Eingang Neue Straße) in Lüneburg erworben werden. Die älteren Ausgaben stehen online zum Herunterladen bereit. Das Büro ist montags von 15 bis 17 Uhr geöffnet.
- Wikipedia: Übertourismus (englisch: overtourism)
Wachsender Tourismus führt angesichts begrenzten Raumes zu zunehmenden Konflikten, sie treten vor allem an viel besuchten Destinationen, auch „Hotspots“ genannt, weltweit auf. - Lüne-Blog: Hansestadt und Lüneburg Marketing: Tourismus in Lüneburg weiterhin auf Wachstumskurs – 18.03.2026
Neue Rekorde bei Gästen und Übernachtungen feiert Melanie-Gitte Lansmann von der Lüneburg Marketing GmbH für das Jahr 2025. Damit sei der Tourismus in Lüneburg inzwischen tragende Säule der lokalen Wertschöpfung, leiste einen wichtigen Beitrag zur Belebung der Innenstadt und zur Sicherung von Arbeitsplätzen. - Hansestadt Lüneburg: Aktualisierter Mietspiegel und Mietpreisrechner
- Hansestadt Lüneburg: GEWOS-Wohnraumversorgungskonzept, März 2023 (PDF-Datei)
Das aktuelle Wohnraumversorgungskonzept (Stand: März 2023) enthält eine Analyse des Wohnungsmarkts und der Bevölkerungsentwicklung und eine Prognose zur zukünftigen Entwicklung. Am Schluss stehen konkrete Handlungsempfehlungen für die Politik.

Foto: ALA e.V. Das liebevoll restaurierte Haus Untere Ohlinger Str. 7+8. Die rechte Seite gehörte Curt Pomp, dem Gründer des Vereins Arbeitskreis Lüneburger Altstadt. Die linke Seite gehört einem Vereinsmitglied.

Foto: ALA e.V. (Archiv). Rückseite der Häuser Untere Ohlinger Str. 7+8 in der Neuen Straße 15. Hier befindet sich das Büro vom Arbeitskreis Lüneburger Altstadt, ALA. e.V.
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Lünepedia: Altstadt Lüneburg
Der historische Stadtkern Lüneburgs hat den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden. Dadurch ist die Altstadt von historischen Plätzen, Backsteinkirchen und -häusern sowie von Patrizierhäusern mit Treppengiebeln geprägt. Lüneburg verfügt über 1000 Baudenkmäler. Viele der Attraktionen sind im Stadtzentrum nah beieinander und fußläufg erreichbar.
Weiterlesen: https://www.luenepedia.de/wiki/
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