Foto: Lüne-Blog. Firmengebäude Jungheinrich, Wilhelm-Fresselstr. 7 in Lüneburg Neu Hagen, im Schnee.

Jungheinrich Lüneburg: Einigung nach 85 Tagen Streik – umfassende soziale Absicherung

„Einer der längsten Arbeitskämpfe in Niedersachsen seit vielen Jahrzehnten“, so Lennard Aldag von der IG Metall Celle-Lüneburg, ist zu Ende: Nach 85 Tagen Streik bei Jungheinrich in Lüneburg informieren IG Metall, Betriebsrat und Jungheinrich AG gemeinsam über die Einigung. Die Produktion wird zum 31. März 2027 eingestellt. Für die rund 160 Betroffenen wurde ein umfassendes Paket zur sozialen Absicherung durchgesetzt. Eine zweite Urabstimmung leitet nun das Streikende ein.


Mitteilung von: IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt – Am: 13.02.2026
Online: https://nieder-sachsen-anhalt.igmetall.de/Aktuelles/ – Foto: Lüne-Blog. Werkseinfahrt von Jungheinrich in Lüneburg.


IG Metall NDS-LSA: Hohe soziale Absicherung nach 85 Tagen Arbeitskampf, Schließung bleibt wirtschaftlich falsch

Mit einer gemeinsamen Erklärung von IG Metall, Betriebsrat und Jungheinrich AG (siehe unten) endete am 13. Februar 2026 der Arbeitskampf. Nach 85 Tagen Streik steht die Tarifeinigung am Standort Lüneburg. Konstruktion und Administration mit 125 Stellen bleiben bestehen. Die Produktion wird zum 31. März 2027 eingestellt. Für die rund 160 betroffenen Beschäftigten konnte ein umfassendes Paket zur sozialen Absicherung durchgesetzt werden. Die IG Metall bewertet das Ergebnis als substanziell – hält die Schließung eines profitablen Werks jedoch weiterhin für wirtschaftlich falsch und fatal.

Produktion war wirtschaftlich tragfähig

Die Produktion in Lüneburg war wirtschaftlich tragfähig. Ein Zukunftskonzept des Betriebsrats, das im Verhandlungsverlauf erläutert worden war, lag vor und hätte die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts weiter gestärkt. Dennoch blieb das Unternehmen bei seiner Entscheidung.  „Wir sprechen bei Jungheinrich in Lüneburg nicht über einen Sanierungsfall, sondern über die Aufgabe einer profitablen Produktion“, erklärt Lennard Aldag, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Celle-Lüneburg. „Die Entscheidung war nicht durch akute wirtschaftliche Zwänge getrieben, sondern Teil einer strategischen Neuausrichtung des Konzerns.“

Solidarisch in einem der längsten Arbeitskämpfe in Niedersachsen

Der unerbittliche Arbeitskampf der Belegschaft öffnete die Möglichkeit für ein umfassendes Paket an sozialer Absicherung. „Der Arbeitgeber wollte deutlich geringere Konditionen durchsetzen. Dass wir dieses Niveau erreicht haben, ist ausschließlich der Entschlossenheit der Kolleginnen und Kollegen zu verdanken“, erklärt Florian Rebstock, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Celle-Lüneburg und Streikkoordinator vor Ort. „In 85 Tagen Streik ist eine Familie entstanden. Aus Kolleginnen und Kollegen sind Freundinnen und Freunde geworden. Man hat gemeinsam gefroren, diskutiert und gekämpft. Diese Solidarität trägt – und sie wird bleiben.“

Harter Einschnitt für die Region

Wertschöpfung, Kaufkraft und industrielle Kompetenz gehen in Lüneburg dennoch verloren. „Kein Sozialplan ersetzt Arbeitsplätze“, stellt Metaller Aldag klar. „Für die Betroffenen, ihre Familien und den Wirtschaftsstandort Lüneburg ist das ein harter Einschnitt.“

Dennoch: Die Belegschaft hat unter schwierigen Bedingungen ein überdurchschnittliches Absicherungsniveau durchgesetzt. Die betriebliche Tarifkommission empfiehlt die Annahme des Ergebnisses. Die Mitgliederversammlung hat am Abend des 12. Februars beschlossen, den Arbeitskampf zu unterbrechen und eine zweite Urabstimmung zur Beendigung des Streiks einzuleiten.

Kritik an OB Claudia Kalisch

Bei der Mitgliederversammlung am Donnerstagabend wurde auch die Enttäuschung vieler Beschäftigter über das Auftreten der Lüneburger Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch deutlich. „Es gibt erheblichen Unmut darüber, dass sich die Oberbürgermeisterin unmittelbar vor der Aufnahme entscheidender Verhandlungen öffentlich an die Seite des Arbeitgebers gestellt hat“, berichtet IG Metall-Bevollmächtigter Aldag aus der Versammlung.

Jungheinrich selbst hatte den Erhalt der Konstruktion in Lüneburg vorgesehen. Genau diese 125 Stellen finden sich auch im Interessenausgleich. Vor diesem Hintergrund sei es schwer nachvollziehbar, welchen substanziellen Fortschritt die Stadtspitze für sich reklamiere. 

Lücke im Ordnungsrahmen bei der Schließung wirtschaftlich gesunder Standorte

Die Industriegewerkschaft verweist weiter auf eine grundsätzliche Lücke im Ordnungsrahmen: Bestehende Mitbestimmungsrechte reichen nicht aus, um die Schließung wirtschaftlich gesunder Standorte zu verhindern. „Wenn profitable Produktionen aufgegeben werden, fehlen wirksame Instrumente, um solche unternehmerischen Entscheidungen zu stoppen“, kritisiert der Gewerkschafter.

Die Regelungen im Einzelnen

  • Vereinbart wurden ein Interessenausgleich, ein Sozialplan sowie ein ergänzender Sozialtarifvertrag. Der Sozialplan sieht einen Abfindungsfaktor von 1,35 Bruttomonatsgehältern vor. Für Unterhaltspflichten, Alleinerziehende, Pflegende und schwerbehinderte Beschäftigte sind zusätzliche Zahlungen von jeweils 5.500 Euro vorgesehen.
  • Für Mitglieder der IG Metall erhöht ein tariflicher Zusatzfaktor von 0,35 den Gesamtfaktor auf 1,7. Die Zusatzbeträge steigen für Metallerinnen und Metaller um weitere 1.500 Euro.
  • Ergänzend wurde eine neunmonatige Transfergesellschaft vom 1. April bis 31. Dezember 2027 vereinbart. Während dieser Zeit erhalten die Teilnehmenden 80 beziehungsweise 87 Prozent ihres letzten Nettoentgelts. Außerdem wird die Transfergesellschaft mit einem Qualifizierungs- und Coachingbudget in Höhe von 5.000 Euro pro Beschäftigten, der in die Transfergesellschaft wechselt, ausgestattet.

„Ein Gesamtfaktor von 1,7 und eine anschließende Transfergesellschaft liegt unter heutigen Bedingungen deutlich über dem Durchschnitt“, so Aldag. „Dieses Volumen im zweistelligen Millionenbereich ist das Ergebnis eines der längsten Arbeitskämpfe in Niedersachsen seit vielen Jahrzehnten.“

Gemeinsame Erklärung von IG Metall und Jungheinrich AG zum Tarifabschluss für den Standort Lüneburg

Am 13. Februar 2026 gab die IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt die gemeinsame Erklärung von IG Metall, Betriebsrat und Jungheinrich AG weiter: „Nach mehr als 80 Tagen intensiver Tarifauseinandersetzung haben die IG Metall, Betriebsrat und die Jungheinrich AG einen Abschluss erzielt. Der Einigung ging eine viertägige, intensive Verhandlungsphase voraus.

Am Freitag, den 13. Februar 2026, mündeten diese Gespräche in der Unterzeichnung sozialverträglicher Vereinbarungen, welche insbesondere die Interessen der langjährigen Mitarbeitenden berücksichtigen. Die Einigung umfasst einen Interessenausgleich, einen Sozialplan und einen Sozialtarifvertrag. Die Vereinbarungen sehen unter anderem Regeln zu Abfindungen und zur Gründung einer Transfergesellschaft vor. Diese soll den betroffenen Mitarbeitenden durch Qualifizierung, Coaching und Vermittlung helfen, in den kommenden rund zwei Jahren neue berufliche Perspektiven im ersten Arbeitsmarkt zu finden.

Mit dieser Vertragsunterzeichnung ist die Tarifeinigung vorbehaltlich der Zustimmung der Mitglieder der IG Metall in einer zweiten Urabstimmung vorläufig vollzogen und zugleich ein lang andauernder Konflikt in geordnete Bahnen überführt worden.“

Mehr bei Lüne-Blog

  • Eilantrag von Jungheinrich beim Arbeitsgericht Lüneburg: Verhandlungstermin am 5. Februar 2026 aufgehoben! – 04.02.2026
    Das Unternehmen Jungheinrich will das Werk in Lüneburg schließen. Seit Ende November 2025 wird dort mit Unterstützung der IG Metall gestreikt. In einem Eilantrag forderte Jungheinrich, dass die Zufahrt nicht für längere Zeit blockiert werden darf. Am 5. Februar 2026 sollte vor dem Arbeitsgericht Lüneburg verhandelt werden. Nun haben die Parteien eine Zwischenregelung getroffen und der Termin wurde aufgehoben. 
  • Gemeinsame Resolution von Linken, SPD, Grünen und FDP: Jungheinrich-Standort in Lüneburg erhalten – 27.11.2025
    Das Werk von Jungheinrich in Lüneburg schreibt schwarze Zahlen, fertigt erfolgreich Spezial- und Kleinserien, weist die IG Metall hin. Trotzdem soll es geschlossen werden. Seit dem 20. November wird deshalb in Lüneburg gestreikt. In einer gemeinsamen Resolution wenden sich die Ratsfraktionen Die Linke, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP gegen die Schließung und verlangen die Aufnahme von konstruktiven Gesprächen.
Foto: Stephen Petrat. Demonstration der IG Metall IG Metall bei der Verleihung des Nachhaltigkeitspreises am 5. Dezember 2025 vor dem Veranstaltungsort in Düsseldorf.

Foto: Stephen Petrat. Demonstration der IG Metall bei der Verleihung des Nachhaltigkeitspreises an das Unternehmen Jungheinrich am 5. Dezember 2025 vor dem Veranstaltungsort in Düsseldorf.

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