LKA Niedersachsen: Erkenntnisse zum Thema Jugendkriminalität – Vorbildfunktion der Polizei
Nach Corona kam es zu einem Anstieg der Kinder- und Jugendkriminalität. Eine Studie des Landeskriminalamts (LKA) Niedersachsen untersuchte Gründe und Gegenmaßnahmen. Ergebnis: Erforderlich ist „ein Zusammenspiel aus präventiver Polizeiarbeit, früher Intervention, aber auch der Stärkung der Familie“, so Innenministerin Daniela Behrens. Und: Polizeibeamte haben Vorbildfunktion: Sie repräsentieren die staatliche Gewalt und vermitteln Jugendlichen so im besten Fall Fairness und die Bedeutung von Werten.
Mitteilung von: Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen – Am: 19.05.2026
Online: https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/105578/6277288 – Foto: Symbolbild, Pixabay. Zwei Polizeibeamte, von hinten in einer Grünanlage aufgenommen.
Kinder- und Jugendkriminalität in Niedersachsen: Wie lässt sich gegensteuern?
Die Kinder- und Jugendkriminalität in Niedersachsen und bundesweit hat sich nach COVID-19 spürbar verändert. Das Forschungsprojekt „Jugendkriminalität in Niedersachsen“ (JUKRIN) des Landeskriminalamts (LKA) Niedersachsen hat nun zentrale Ursachen und Entwicklungen von Kinder- und Jugendkriminalität umfassend analysiert.
„Nachholeffekt“ nach Corona, jetzt wieder Rückgang
Im Jahr wurden 2022 noch rund 29.000 Minderjährige in Niedersachsen als Tatverdächtige registriert, 2023 waren es rund 32.000. Mittlerweile gehen die Zahlen wieder zurück. So waren es 2024 31.444 Tatverdächtige und 2025 29.918.
Als Grund wird in der kriminologischen Forschung ein entwicklungspsychologischer Nachholeffekt diskutiert: Jugendliche, deren Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten während der Pandemie stark eingeschränkt waren, würden das teilweise mit abweichendem Verhalten nachholen. Strukturelle Benachteiligungen und fehlende Freizeitangebote können die Situation verschärfen.
Wie lässt sich vorbeugen?
Die Kriminologische Forschungsstelle des LKA Niedersachsen und die Zentralstelle Jugendsachen untersuchen mit dem Projekt JUKRIN, wie diese komplexen Zusammenhänge wirken und welche Maßnahmen nachhaltig präventiv wirken können.
1. Sozioökonomische Benachteiligung als Risikofaktor
Die Untersuchung zeigt, dass die Polizei Kinder und Jugendliche aus strukturell benachteiligten Landkreisen häufiger als Tatverdächtige registriert. Eine Rolle spielen dabei die Rahmenbedingungen: Familien in prekären Lebenslagen verfügen oft nicht über genügend Zeit, Geld oder stabile Strukturen, um ihren Kindern Förderung, Aufsicht und strukturierte Freizeit zu ermöglichen.
Fehlen solche Angebote, kann dies die Bindung an gesellschaftliche Normen schwächen und delinquentes Verhalten begünstigen. Wirtschaftliche Entwicklungen wie steigende Inflation oder Arbeitslosigkeit verschärfen die Problemlagen zusätzlich. Insgesamt zeigt sich: Je ungünstiger die ökonomischen Bedingungen in einem Landkreis sind, desto höher ist das Ausmaß der Jugendkriminalität.
2. Jugendkriminalität ist multifaktoriell: Soziales Umfeld spielt wichtige Rolle
Gleichzeitig zeigt sich, dass Jugendkriminalität ein multifaktorielles Phänomen ist und aus dem Zusammenspiel von sozialen, strukturellen und individuellen Faktoren entsteht. „Das soziale Umfeld spielt dabei eine zentrale Rolle: Familiäre Beziehungen und Freundeskreise prägen Jugendliche entscheidend. Wo Bindungen stabil sind und positive Vorbilder existieren, schützt das – andernfalls steigt das Risiko für Straftaten“, erklärt Lukas Boll, Projektleiter JUKRIN des LKA Niedersachsen.
3. Begegnung mit Polizeibeamten als Chance
Auch wenn staatliche Institutionen als fair, transparent und legitim wahrgenommen werden, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche die Normen befolgen. Polizeibeamte haben hier eine wichtige Funktion: „Die Polizei prägt für viele Jugendliche diesen ersten Eindruck – das bietet die Chance, Vertrauen, Werte und Regeln früh positiv zu vermitteln.“ Denn: „Gerade dann, wenn junge Menschen anlässlich eines normabweichenden Verhaltens Kontakt mit Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten haben, ist es wichtig, dass von diesen die gesellschaftlichen Werte und Normen angemessen und entwicklungsgerecht verdeutlicht werden“, so die Studie (S. 31).
4. Persönliche Eigenschaften und soziale Kompetenzen
Auch Persönlichkeit und Verhalten spielen eine Rolle: Impulsivität, geringe Selbstkontrolle, Risikobereitschaft oder Aggressionsneigung erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Straftaten. Fähigkeiten wie Empathie, soziale Kompetenzen, Lernfähigkeit und moralisches Bewusstsein wirken schützend. Insgesamt wird deutlich: Jugendkriminalität entsteht aus einem komplexen Zusammenspiel von Umfeld, Schule und individuellen Eigenschaften – und nur ein ganzheitlicher Ansatz kann wirksam präventiv wirken.
5. Niedrigschwellige Freizeitangebote und attraktive Aufenthaltsorte im öffentlichen Raum
Ein weiterer Befund betrifft Freizeit, Raum und soziale Infrastruktur. Mangelnde Angebote für Kinder und Jugendliche können zu Langeweile, Frust und erhöhtem Medienkonsum führen. Wichtig sind daher der Ausbau niedrigschwelliger Freizeitangebote und die Gestaltung von attraktiven Aufenthaltsorten im öffentlichen Raum. Dabei sind kriminalpräventive Aspekte – etwa durch Beratung des Kompetenzzentrums Urbane Sicherheit (KURBAS) des LKA Niedersachsen – zu berücksichtigen.
Fazit: Gemeinsames Zusammenwirken erforderlich
Die Ergebnisse zeigen, dass Jugendkriminalität eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Erforderlich ist gezielte Zusammenarbeit, die Förderung benachteiligter Jugendlicher und die Vernetzung aller Akteure. Auf diese Weise lassen sich Perspektiven für Jugendliche stärken, frühzeitige Unterstützungen schaffen und die Sicherheit in Niedersachsen langfristig sichern.
Niedersachsens Ministerin für Inneres, Sport und Digitalisierung, Daniela Behrens erklärt: „Wichtig ist, dass auf individueller Ebene konsequent eingegriffen wird, bevor sich delinquentes Verhalten verfestigt und kriminelle Lebensläufe entstehen. Dazu braucht es ein wirksames Zusammenspiel aus präventiver Polizeiarbeit, früher Intervention, aber auch der Stärkung der Familie.“ Junge Menschen wirksam zu unterstützen, „gelingt nur gemeinsam mit Kommunen, Schulen, betroffenen Eltern und der Jugendhilfe“, sagt der Präsident des LKA Niedersachsen, Thorsten Massinger.
Hintergrund: JUKRIN
Nach Corona kam es bundesweit zu einem starken Anstieg der polizeilich registrierten Fall- und Tatverdächtigen-Zahlen im Bereich der Kinder- und Jugendkriminalität. In Niedersachsen untersuchte die Zentralstelle Jugendsachen des LKA NI mit dem Forschungsprojekt „Jugendkriminalität in Niedersachsen“ (JUKRIN) die Problemlage. Ziel war es, regionale Erklärungsansätze zu finden und Handlungsempfehlungen abzuleiten.
- Landeskriminalamt Niedersachsen: Forschungsprojekt JUKRIN
- Landeskriminalamt Niedersachsen: JUKRIN – Abschlussbericht (PDF-Datei)

LKA Niedersachsen: Anteil der jugendlichen Tatverdächtigen an den Straftaten im Jahr 2024 in den Landkreisen in Niedersachsen, in Prozent.
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