Radentscheid: Kein Platz für Radwege in Lüneburg? – Der Fakten-Check
In Lüneburg ist einfach kein Platz für Radwege, heißt es öfters. Schließlich muss die Innenstadt für den Autoverkehr erreichbar bleiben. Dass mit geschickter Planung und gutem Willen beides geht, weist der Radentscheid in seiner Reihe „Fakten-Check“ nach. Das große Plus dabei: Mehr Sicherheit und Schutz für die schwächeren Verkehrsteilnehmer:innen wie Radfahrende und zu Fuß Gehende.
Mitteilung von: Radentscheid Lüneburg – Am: 14.04.2026
Online: https://radentscheid-lueneburg.de/ – Foto: Radentscheid Lüneburg. Montage Fahrradstraße Ilmenaustraße (KI-generiert).
Radentscheid Lüneburg: Kein Platz für Radwege? – Fakten-Check
Häufig wird argumentiert, für den Ausbau von Radwegen fehle der Platz. Lüneburger CDU- oder SPD-Mitglieder wenden ein: „Die Innenstadt muss für den Kfz-Verkehr erreichbar bleiben!“ Sie gehen davon aus, Radwege könnten nur auf Kosten des Autoverkehrs ausgebaut werden nach dem Motto: „Entweder Straßen – oder Radwege“.
Die stark aufs Auto fokussierten Infrastrukturpolitik seit den 1950ern Jahren(1) hat dazu geführt, dass der Großteil der Verkehrsfläche heute dem fließenden und ruhenden Autoverkehr gewidmet ist. Jede noch so moderate Umverteilung erscheint als Bedrohung des Autoverkehrs. Teile von Autolobby und Politik befeuern diese Sorge gezielt.
Was die Zahlen sagen: Autos brauchen sehr viel Platz – zum Parken und auf den Straßen
Im Schnitt steht ein Kfz mehr als 23 Stunden und nimmt dabei wertvolle Fläche in Anspruch.(3) In Tiefgaragen, Parkhäusern oder an Supermärkten gibt es große Parkplatzreserven. Selbst in Spitzenzeiten bleiben häufig bis zu 50 Prozent aller Stellplätze in Parkhäusern frei. So sind in den Innenstadtparkhäusern in Lüneburg stets mindestens 600 Parkplätze unbesetzt.(4)
Autos benötigen pro Person ein Vielfaches an Fläche gegenüber anderen Verkehrsmitteln. So sind Kraftfahrzeuge im Verkehr extrem ineffizient, was den Flächenverbrauch betrifft: Eine Autospur kann 1.000 bis 2.000 Personen pro Stunde transportieren. Auf einem sehr viel schmaleren Radweg können bis zu 7.000 Personen pro Stunde unterwegs sein.(2)
Deshalb: Der Umweltverbund – Fuß-, Rad- und öffentlicher Verkehr – schafft Platz
Eine Umverteilung von Verkehr vom Auto auf andere Verkehrsformen wie Busse, Straßenbahnen oder Fahrräder würde daher extrem viel Platz schaffen. Das käme auch dem verbleibenden Autoverkehr zugute.
Allein die Umwidmung von Parkplätzen würde vielerorts eine hervorragende Fahrradinfrastruktur ermöglichen, ohne dass dadurch Parkplätze fehlen würden. Anders als es CDU und FDP darstellen, würde die heiß diskutierte Abschaffung von Parkplätzen an der Ilmenaustraße niemanden daran hindern, mit dem Auto in die Innenstadt zu gelangen. Die Autos könnten einfach 300 Meter entfernt im Parkhaus geparkt werden.
Weiterhin Erreichbarkeit mit dem Auto und mehr Platz für Radverkehr durch Einbahnstraßen
Auch die Einrichtung von Einbahnstraßen würde Platz für Radwege schaffen. Alle Ziele bleiben für den Autoverkehr erreichbar, es müssten lediglich kleine Umwege in Kauf genommen werden. Dafür würde der Verkehrsfluss deutlich verbessert. In Lüneburg haben baustellenbedingte Einbahnstraßenregelungen in der Uelzener Straße, in der Dahlenburger Landstraße und im Lüneburger Weg in Häcklingen in den vergangenen Jahren gezeigt, dass hier Einbahnstraßen möglich sind und auch kein Verkehrschaos verursachen.
Ebenso könnten Fahrspuren mit geringer Auslastung zu Radwegen umgebaut werden, ohne dass der Autoverkehr wesentlich leidet. Verschneite Abbiegespuren haben in diesem Winter offenbart, dass hierfür in Lüneburg viel Potenzial besteht.
Schulstraßen: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!
In Köln, Berlin und Frankfurt am Main gibt es sie bereits: Schulstraßen. Das sind Straßen, in denen eine Grundschule liegt und die stets eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn und nach Unterrichtsende für den motorisierten Verkehr gesperrt werden. Das erhöht nachweislich die Sicherheit für Kinder auf dem Schulweg, denn jüngere Schüler:innen sind noch unerfahren im Straßenverkehr und schätzen manche Situationen falsch ein. Dadurch, dass Eltern ihre Kinder mit dem Auto bis direkt vor die Schule fahren, entstehen aber gerade Gefahrensituationen, die schwer zu überblicken sind.
In Lüneburg startete nach den Herbstferien ein Pilotprojekt: Die Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße, in der die Grundschule im Roten Felde liegt, wurde als Schulstraße eingerichtet. Sie ist nun von Montag bis Freitag von 7:30 bis 8 Uhr, 12:45 bis 13:15 Uhr und 15:15 bis 15:45 Uhr für den motorisierten Verkehr gesperrt. Damit Eltern ihre Kinder trotzdem mit dem Auto zur Schule bringen können, wenn sie es für notwendig erachten, gibt es nahe der Schule eine so genannte Elternhaltestelle. „So toll, sicher und total entspannt”, so der Kommentar einer Elterntaxi-Fahrerin. Wir finden: Ein guter Schritt – und hoffen, dass die Schulstraße Bestand hat und weitere bald folgen.
Was Umverteilung bringt: Mehr Sicherheit – und weniger Verkehrsstau
Städte wie Kopenhagen, Amsterdam oder Paris zeigen: Selbst in dichten urbanen Räumen konnten Radwege massiv ausgebaut werden. Dort wie auch in anderen Städten hat die Umverteilung von Autoraum Verkehrsstaus nachweislich tatsächlich verringert.(5)
Natürlich gibt es lokale Engstellen. Meist fehlt jedoch nicht der Raum, sondern die Bereitschaft zu Zugeständnissen. Es gilt, Sicherheit und Schutz der schwächeren Verkehrsteilnehmenden – Radfahrende und Fußgänger:innen – in Einklang zu bringen mit den Bequemlichkeitswünschen der Autofahrenden. Für die vermeintlichen Platzprobleme gibt es oft Lösungen. Letztlich ist es eine Frage der Abwägung zwischen der eigenen Bequemlichkeit und der Sicherheit anderer.
Fazit: Eine Frage der Prioritäten
Es fehlt nicht der Platz, sondern eine gerechte Priorisierung und Aufteilung des vorhandenen Raums. Denn Fahrrad- und Autointeressen stehen sich nicht unvereinbar gegenüber. Anstelle der Polarisierung „Autospur versus Radweg“ genügt es oft schon, überflüssige Parkflächen zurückzubauen, um Platz für Radwege zu schaffen.
- Radentscheid Lüneburg: Verkehrswende-Mythen im Faktencheck – Teil 3: Kein Platz für Radwege – 12.04.2026
Für die Veröffentlichung bei Lüne-Blog wurde der Beitrag redigiert und etwas gekürzt. Der ungekürzte Beitrag ist hier nachzulesen. - Lüne-Blog: Mobil in Lüneburg 2030: Aber wie? Podium mit allen sieben OB-Kandidierenden am 16. April 2026

Foto: Malte Hübner. Es ist erstaunlich, wie flächeneffizient der Busverkehr ist. Soviel Platz brauchen 30 Menschen, wenn sie wie links im Pkw und wie rechts im Bus unterwegs sind. Die Förderung von Fuß-, Rad- und öffentlichem Verkehr macht deshalb auch den Autoverkehr flüssiger und schneller.
Quellen
(1) Wie unser „Verkehrswendemythos Nr. 2“ – siehe https://radentscheid-lueneburg.de/verkehrswende-mythen-im-faktencheck-teil-2-radverkehrsfoerderung-ist-zu-teuer/
(2) So zeigte eine Simulation der PTV Group, dass 200 Personen im Auto einer über 1 Kilometer langen Fahrzeugschlange entsprechen. Diese braucht eine 4 Minuten lange Grünphas, um einen Kreuzungsbereich zu passieren. Dieselbe Personenzahl auf Fahrrädern würde nur 115 Meter Straße einnehmen und 2 Minuten benötigen. Fußgänger nehmen nur 28 Meter ein und würden die Kreuzung in 40 Sekunden überqueren. https://www.itsinternational.com/video/animation-how-much-space-do-cars-take-our-cities
(3) Agora Verkehrswende (2022): Umparken – den öffentlichen Raum gerechter verteilen, Zahlen und Fakten zum Parkraummanagement. https://www.agora-verkehrswende.de/veroeffentlichungen/umparken-den-oeffentlichen-raum-gerechter-verteilen/
(4) Hansestadt Lüneburg: Untersuchungen zum ruhenden Verkehr in der Hansestadt Lüneburg – Parkraumbewirtschaftungskonzept, 19.06.2025: Ratsvorlage-Nr. VO/11281/24
(5) Elena Natterer, Allister Loder, Klaus Bogenberger[H1] : Effects of the Plan Vélo I and II on vehicular flow in Paris — An Empirical Analysis, Cornell University 2024, https://arxiv.org/abs/2408.09836; Samuel Nello-Deakin: Exploring traffic evaporation: Findings from tactical urbanism interventions in Barcelona, Case Study on Transport Policy Volume 10, Issue 4, December 2022, Pages 2430-2442, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2213624X22002085?via%3Dihub
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Lünepedia: Radentscheid
Der Radentscheid Lüneburg hat sich im Frühjahr 2020 gegründet. Die Initiative setzt sich für eine verbesserte und sichere Radverkehrsinfrastruktur in Lüneburg ein. Mit Hilfe eines Bürgerentscheids möchte der Radentscheid die Verantwortlichen in der Hansestadt verpflichten, die bekannten Konzepte für ein durchgängiges, sicheres und attraktives Radroutennetz zu erweitern und umzusetzen. Am 12.05.2022 hat ein Großteil des Lüneburger Stadtrats für einen Beitritt zum Radentscheid gestimmt. Die Forderungen des Radentscheids werden damit politisch übernommen.
Weiterlesen: https://www.luenepedia.de/wiki/Radentscheid
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