Foto: Klimaentscheid Lüneburg. Links: Moderatorin Prof. Dr. Hannah Trittin-Ulbrich, rechts Wirtschaftsexpertin Ulrike Herrmann.

Klimaentscheid Lüneburg: Ulrike Herrmann fordert Abschied von Wachstum und Kapitalismus

Wachstum und Klimaschutz seien nicht vereinbar. Das beschrieb Wirtschaftsexpertin Ulrike Herrmann bei der Veranstaltung des Literaturbüros Lüneburg am 26. Oktober 2022. Nötig sei ein “grünes Schrumpfen”, der bewusste Verzicht auf 30 bis 50 Prozent unserer heutigen Wirtschaftsleistung. Ziel: eine Öko-Kreislaufwirtschaft.

Hier der Bericht des Klimaentscheids Lüneburg über die Veranstaltung.


Mitteilung von: Klimaentscheid Lüneburg
Am:  28.10.2022
Online: klimaentscheid-lueneburg.de
Foto: Klimaentscheid Lüneburg


Klimakrise erfordert Abschied von Wachstum und Kapitalismus

Foto: Klimaentscheid Lüneburg. Links: Moderatorin Prof. Dr. Hannah Trittin-Ulbrich, rechts Wirtschaftsexpertin Ulrike Herrmann.

„Wir leben in einer Überflussgesellschaft“ befand Ulrike Herrmann zu Beginn der Vorstellung ihres Buchs „Das Ende des Kapitalismus. Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden“.

In der Reihe „Was uns bewegt“ des Literaturbüros Lüneburg (mehr) erläuterte die Bestseller-Autorin und Wirtschaftsexpertin am 26. Oktober 2022 den etwa 200 Gästen im Glockenhaus, wie der Klimakrise begegnet werden muss. Moderiert wurde die Veranstaltung von Wirtschaftsprofessorin Hannah Trittin-Ulbrich von der Leuphana Universität.

Öko-Energie wird knapp und teuer bleiben

Um spätestens 2045 klimaneutral zu leben, muss die gesamte Wirtschaft auf Strom umgestellt werden. Darüber besteht Konsens. Die dafür relevanten Technologien sind Strom aus Windkraft und aus Solaranlagen.

Sonnen-Energie sei im Überfluss vorhanden, so Herrmann. Sie müsse aber auch „eingefangen“ und gespeichert werden. Die für den Bau von Solar- und Windkraftanlagen benötigten Ressourcen sind jedoch begrenzt. Batterien und grüner Wasserstoff, die wichtigsten Technologien zur Speicherung von Strom, seien zudem teuer.

Daraus folgert Herrmann: „Die Umstellung auf Öko-Energie reicht nicht. Öko-Energie wird knapp und teuer bleiben.“

Statt grünem Wachstum grünes Schrumpfen nötig

Deshalb sei die häufig propagierte These des grünen Wachstums keine Lösung für die Klimakrise. Vielmehr sei ein „grünes Schrumpfen“ nötig, um klimaneutral zu werden.

„Schrumpfen bedeutet nicht das Ende der Menschheit und nicht das Ende eines guten Lebens“, so Herrmann. Wir müssten jedoch auf 30 bis 50 Prozent unserer heutigen Wirtschaftsleistung verzichten, um Klimaneutralität zu erreichen.

Wirtschaftsleistung von 1978 als Standard

50 Prozent unserer heutigen Wirtschaftsleistung – das entspricht der Wirtschaftsleistung von 1978. „Wir sind dann so reich wie 1978“, erläutert Herrmann und erinnert daran, dass in diesem Jahr Star Wars erstmalig in den Kinos lief. „Damals waren wir genauso glücklich. Statt für wenige Tage nach Mallorca zu jetten, ging es für 2 Wochen nach Italien.”

Zudem bliebe der technische und der medizinische Fortschritt erhalten: „Das Smartphone bleibt, und wir haben heute z.B. wesentlich bessere Krebstherapien.“

Wie kommen wir dahin?

Da der Kapitalismus Wirtschaftswachstum erfordert, würde durch eine Verringerung der Wirtschaftsleistung der Kapitalismus beendet. Ziel sei eine Öko-Kreislaufwirtschaft, wobei Herrmann ergänzt „das ist eine Vision, aber kein Weg“. Stattdessen müsse man „vom Ende her denken – wofür reicht Öko-Energie, wofür nicht.“

Für das Fliegen jedenfalls nicht, Öko-Kerosin sei äußerst energieaufwendig. Für Autos, auch für E-Autos, würde die Öko-Energie ebenfalls nicht reichen, der Transport von durchschnittlich 1,3 Menschen in eine Tonne schweren Autos, sei Energieverschwendung. Mobilität könne auch ohne Privatautos gewährleistet werden.

Demokratische, private Planwirtschaft

Herrmann schlägt eine demokratische, private Planwirtschaft vor und orientiert sich dabei an dem Modell der britischen Kriegswirtschaft ab 1939. Innerhalb weniger Wochen haben die Briten damals, vom Kriegsbeginn überrascht, die Konsumgüter-Wirtschaft zurückgefahren, um verstärkt Militärgüter zu bauen.

„Das war keine Verstaatlichung; es gab lediglich Vorgaben, was produziert werden darf bzw. eine Rationierung von Konsumgütern.“ Die Briten waren zufrieden mit der Lösung, weil alle den gleichen Beschränkungen unterworfen wurden.

„In einem System der Rationierung auf dem Niveau von 1978 würde kein Mangel herrschen“, sagt Herrmann. Sie glaubt, dass dies unsere Zukunft sein wird: „Wir leben heute in einer Überflussgesellschaft. Wir haben wesentlich mehr Dinge, als wir benötigen.“

Weitermachen nicht möglich – Umstieg angezeigt

Die Klimakrise würde in jedem Fall zu Rationierung führen. Als Beispiel führt sie den Ukraine-Krieg an, der eine Reduzierung des Gasverbrauchs um 30 Prozent erfordert. Im Winter müsse voraussichtlich Gas rationiert werden und der Staat entscheide dann, wer wieviel bekommt. Das sei gerechter als eine Regelung über den Preis.

„Viele denken, dass weitermachen wie bisher ein angenehmes Leben ermöglicht“, das gehe nicht, weil wir keine drei Planeten haben. Ihr Fazit: „es gibt nur folgende Wahl: jetzt rechtzeitig friedlich aus dem Kapitalismus aussteigen und auf eine Rationierung umsteigen – oder später, wenn die Klimakrise weiter fortschreitet, chaotisch aussteigen.“

Mehr Information und Kontakt

Literaturbüro Lüneburg

Klimentscheid Lüneburg

LünepediaLünepedia: Klimaentscheid Lüneburg

Die Initiative “Klimaentscheid Lüneburg” wurde 2020 gegründet und hat 2021 ein erfolgreiches Bürgerbegehren organisiert mit dem Ziel, dass Lüneburg bis 2030 klimaneutral wird. Der Klimaentscheid vertritt damit die Forderungen von weit mehr als 8.000 Lüneburger:innen. Zudem wird der Klimaentscheid unterstützt von ca. 50 regionalen Unternehmen, Institutionen und Initiativen, z.B. der Voelkel GmbH, dem NABU Lbg. und dem Arbeitskreis „Laudato si“ der Kirchengemeinde St. Marien.

Weiterlesen: https://www.luenepedia.de/wiki/Klimaentscheid


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