„Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg: Wo sind die Toten? – Suche nach Kriegsopfern startet
Wie sich letztes Jahr bestätigte, ist auf der Kriegsgräberstätte Friedhof Nord-West nur ein kleiner Teil der Opfer bestattet. Im ehemaligen Anstaltsfriedhof der Psychiatrischen Klinik und dem Zentralfriedhof soll nun nach dem Verbleib der restlichen 800 bis 850 Kriegstoten gesucht werden. Dafür werden Unterlagen ausgewertet und geophysikalische und gerichtsmedizinische Untersuchungen vorgenommen. Das Projekt „Wo sind die Toten?“ wird getragen von der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.
Mitteilung von: Gesundheitsholding Lüneburg – Am: 03.07.2026
Online: https://www.gedenkstaette-lueneburg.de/ – Foto: Dr. Carola Rudnick, „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg.
„Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg: Die Suche nach den Toten beginnt
Foto: Dr. Carola Rudnick, „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg. Marcus Rischmüller, Historiker und Projektmitarbeiter der „Euthanasie“-Gedenkstätte, an der ehemaligen Kriegsgräberstätte auf dem Lüneburger Friedhof Nord-West. Er will das Rätsel um die Gräber der Opfer des Lüneburger Krankenmordes lösen.
In diesen Tagen beginnt auf zwei Lüneburger Friedhöfen die Suche nach 800 bis 850 Kriegstoten, deren Gebeine bis heute in der ursprünglichen Lage vermutet werden. Wie eine im Januar 2026 vorgelegte Machbarkeitsstudie zeigte, ist es möglich, die Opfer der Lüneburger „Euthanasie“-Maßnahmen auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof (heute Friedhof Nord-West) und dem Zentralfriedhof zu finden und zu identifizieren – und zwar mit Hilfe geophysikalischer Untersuchungen, Bodensondierungen und gerichtsmedizinischer Untersuchungen.
Zunächst Auswertung der schriftlichen Unterlagen, dann geophysikalische Untersuchungen
Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten fördern das Vorhaben mit mehr als 225.000 Euro. Mit dieser Unterstützung kann es nun starten. Bis Oktober 2026 werden vorhandene Unterlagen ausgewertet. Es wird geprüft, wo die Gräber ursprünglich lagen und ob es dort nach 1945 Überbettungen gab. Das ist die Voraussetzung, um anschließend geophysikalische Untersuchungen vorzunehmen – unter Wahrung der bestehenden Totenruhe.
Kriegsgräberstätte Friedhof Nord-West nur mit einem kleinen Teil der Opfer
Vor über 50 Jahren wurde auf dem heutigen Friedhof Nord-West eine Kriegsgräberstätte errichtet. Sie umfasste laut der Unterlagen jedoch nur 80 Kriegsgräber von Erwachsenen und zunächst fünf, später vier Kindern. Die Auswahl der Gräber war unvollständig. Sämtliche Opfer des Krankenmordes blieben bei der Errichtung der Kriegsgräberstätte unberücksichtigt, man bezog ausschließlich ausländische Tote ein – aus heutiger Sicht ist das unvorstellbar.
Schon seit den 1960er-Jahren war öffentlich bekannt, dass es Hunderte Opfer der verschiedenen „Euthanasie“-Maßnahmen gegeben hatte. In der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg wurden zwischen 1941 und 1945 mindestens 440 Kinder und Jugendliche in der „Kinderfachabteilung“ ermordet. In „Abteilungen für Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter“ in der damaligen Anstalt und im Städtischen Krankenhaus Lüneburg wurden weitere rund 150 Erkrankte ausländischer Herkunft getötet. Darüber hinaus sind bis 1947 infolge des Krieges weitere Hunderte Erkrankte an Mangel- und Fehlversorgung gestorben.
49 der 80 Gräber sind Scheingräber
Bei Sondierungsgrabungen im Frühjahr 2025 kam ein noch größerer Skandal ans Licht. Es stellte sich heraus, dass 49 Gräber der Kriegsgräberstätte nur Scheingräber sind. Man hatte Kriegsgräber angelegt, ohne dass es sich um ein echtes Grab handelte. „Es waren Grabsteine auf einer Wiese mit unbewegter Erde«, erklärt Jan Effinger vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der die damalige Sondierung begleitete.
In 35 weiteren Gräbern der Kriegsgräberstätte konnten zwar Gebeine gefunden werden, jedoch stimmen sie nicht mit den Belegungsplänen des Friedhofsamtes überein. Dort, wo ein Mann liegen sollte, liegt eine Frau. Dort, wo eine Frau liegen sollte, liegt ein Mann.
Projekt „‚Wo sind die Toten?‘ – Suche nach Gräbern der Lüneburger ‚Euthanasie‘-Maßnahmen“
Um herauszufinden, wer diese Menschen tatsächlich sind und wo die anderen Toten heute noch liegen, startet die „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg in Kooperation mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nun das Projekt „‚Wo sind die Toten?‘ – Die Suche nach Gräbern der Lüneburger ‚Euthanasie‘-Maßnahmen“. Auch das Friedhofsamt der Hansestadt Lüneburg ist beteiligt und hat in Vorbereitung dazu den Friedhof Nord-West neu vermessen lassen.
Dr. Carola Rudnick, „Euthanasie“-Gedenkstätte: Ausdruck von Miss- und Verachtung der Opfer
Dr. Carola Rudnick, Leiterin der „Euthanasie“-Gedenkstätte, erläutert: „Die im Frühjahr 2025 vorgefundene Situation ist Ausdruck einer tiefen Miss- und Verachtung in Bezug auf die Opfer von ‚Euthanasie‘, die bis weit in die 1970er-Jahre bestand. Darin spiegelt sich auch eine lange nach dem Krieg fortbestehende, strukturelle Diskriminierung von psychisch Erkrankten und Menschen mit Beeinträchtigungen. Selbst bei der Errichtung einer Kriegsgräberstätte für die Opfer von NS-Psychiatrie bemühte man sich nicht, die Toten mit der gebotenen Würde zu behandeln.“
Marcus Rischmüller, Historiker und Projektmitarbeiter, ergänzt: „Wir hoffen, diese ursprünglichen Grablagen lokalisieren zu können. Durch gerichtsmedizinische Untersuchungen sollen zumindest einzelne Opfer identifiziert werden. Mit einer Neugestaltung der Kriegsgräberstätte soll den Opfern wieder ein würdevoller Gedenkort zuteilwerden. Das sind wir auch den heute noch lebenden Angehörigen schuldig.“
- „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg: https://www.gedenkstaette-lueneburg.de
Mehr bei Lüne-Blog
- Scheingräber in der Kriegsgräberstätte: Ursprüngliche Gräber sind auffindbar – 31.01.2026
Die Kriegsgräberstätte auf dem Lüneburger Nord-West-Friedhof mit 84 Gräbern sollte 2025 neu gestaltet werden. Überrascht musste man bei den Arbeiten aber feststellen, dass über die Hälfte der Grabsteine auf Scheingräbern standen. Eine Untersuchung hat nun ergeben, dass die echten Grabstätten auffindbar sind und die Toten eventuell geborgen werden können, so Dr. Carola Rudnick von der „Euthanasie“-Gedenkstätte. - Hansestadt und Landkreis Lüneburg unterstützen „Euthanasie“-Gedenkstätte – 16.09.2025
Die Bildungsarbeit der „Euthanasie“-Gedenkstätte auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik Lüneburg wird bis ins Jahr 2029 unterstützt. In einer Vereinbarung haben Hansestadt und Landkreis Lüneburg festgehalten, dass die Gedenkstätte bis dahin jährlich eine Förderung von 60.000 Euro bekommt.
Foto: Andrea Kabasci. Am 29. Januar 2026 stellten Historiker Marcus Rischmüller (rechts) und Dr. Carola Rudnick von der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg ihre Machbarkeitsstudie vor.
Foto: Hansestadt Lüneburg. Dr. Carola Rudnick, Jan Effinger und Friedhofsleiter Hans Hockemeyer bei einem Grab (November 2024). Die Namen und Lebensdaten vieler Ermordeter sind unvollständig oder fehlerhaft, viele Namen wurden einfach „eingedeutscht“. Franz Waisen steht auf einem der Grabsteine. Der korrekte Name des Ermordeten lautet Franciszek Wajsen. Er kam aus Polen, wurde am 21.01.1921 geboren und starb am 23.01.1945. Bei der Neugestaltung sollten solche Fehler korrigiert werden.
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Lünepedia: Psychiatrische Klinik Lüneburg
Die Psychiatrische Klinik Lüneburg, eine gemeinnützige GmbH (Abkürzung: PKL, ehemals Niedersächsisches Landeskrankenhaus Lüneburg), ist das städtische Fachkrankenhaus der niedersächsischen Hansestadt Lüneburg für Psychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sowie Forensische Psychiatrie und Forensische Psychotherapie.
Im Zuge der „Rassenhygiene“ der NS-Politik wurden ab Herbst 1939 schrittweise vermehrt „Euthanasie-Erlaubnisse“ erlassen. In keiner anderen niedersächsischen Anstalt kamen so viele minderjährige Patienten im Zuge der „Aktion T4“ (Codename einer Aussonderungsaktion und „planwirtschaftlichen Verlegung“ von Patienten mit verschiedensten Behinderungen mit reichsweit über 70.000 Morden an Anstaltspatienten) ums Leben.
Weiterlesen: https://www.luenepedia.de/wiki/Psychiatrische_Klinik_Lüneburg
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