Schiffshebewerk Lüneburg. Von Ralf Roletschek, Fahrradtechnik auf fahrradmonteur.de, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10566699

VCD Elbe-Heide warnt: Schleuse als Ersatz für Schiffshebewerk bringt keine Verbesserung

Berichte über Schiffsstaus am Schiffshebewerk Scharnebeck dienen seit Jahren als Argument für den Neubau einer großen Schleuse. Doch Stau wegen technischer Defekte oder Instandsetzungen bedeutet nicht, dass eine Schleuse die bessere Alternative wäre. Ein Schiffshebewerk arbeitet weitgehend wasserneutral und kann Schiffe relativ schnell heben und senken. Eine Schleuse würde dagegen deutlich mehr Zeit, Wasserbewegung und Energie benötigen. Wird die Schleuse zum Ersatz für das Hebewerk, ist die Ausfallsicherheit wiederum nicht gewährleistet. Der Mobilitätsclub fordert daher eine Neubewertung des Projekts. 


Mitteilung von: VCD Regionalverband Elbe-Heide – Am: 19.07.2026
Online: VCD Elbe-Heide – Foto: Walter Rademacher, Wikipedia. Quelle: mehr


Irrweg Schleusenbau: Neue Schleuse darf nicht zum Ersatz für das Schiffshebewerk Scharnebeck werden

VCD Elbe-Heide warnt vor falscher Schlussfolgerung aus Schiffsstaus: Defekte zeigen ein Redundanzproblem – nicht Bedarf für ein wasser- und energieintensiveres Ersatzbauwerk

Berichte über Schiffsstaus am Schiffshebewerk Scharnebeck dienen seit Jahren als Argument für den Neubau einer großen Schleuse. Aus Sicht des Verkehrsclub Deutschland, Regionalverband Elbe-Heide ist genau diese Schlussfolgerung falsch. Wenn ein Stau infolge technischer Defekte oder Instandsetzungen entsteht, ist dies zunächst ein Problem von Verfügbarkeit, Wartung und Redundanz – kein Beleg dafür, dass eine große Schleuse die bessere Alternative wäre.

„Der Schleusenbau wird politisch oft als Lösung für das Nadelöhr Scharnebeck verkauft. Tatsächlich sprechen zentrale fachliche Hinweise dafür, dass das Schiffshebewerk wegen seiner Geschwindigkeit und Wasserneutralität das leistungsfähigere und klimaresilientere Bauwerk bleibt“, erklärt der VCD Elbe-Heide.

Fach-Gutachten sieht Schleuse nur als Ergänzungs-Bauwerk – nicht als Ersatz

Ein Blick in das Franzius-Gutachten von 2009 (siehe unten) macht das deutlich. Dort wurde die neue Schleuse nicht als alleiniger Verkehrsträger verstanden. Vielmehr sollte ein wesentlicher Teil des erwarteten Verkehrs weiterhin über das bestehende Schiffshebewerk abgewickelt werden. Für ein Prognoseszenario mit 25.710 Schiffen pro Jahr wurde angenommen, dass rund 20.000 Schiffe über das Hebewerk laufen und nur etwa ein Fünftel, 5.700 Schiffe, über die neue Schleuse. Selbst in einem höheren Verkehrsszenario mit 34.744 Schiffen pro Jahr sollte das Hebewerk mit 28.000 Hubvorgängen die Hauptlast tragen, während auf die Schleuse 6.700 Schleusungen entfielen.

Damit war die Schleuse fachlich eher als Ergänzungsbauwerk gedacht – nicht als Ersatz für das Hebewerk. Wenn heute dennoch der Eindruck entsteht, eine neue Schleuse könne das Problem Scharnebeck grundsätzlich lösen und das Hebewerk langfristig entbehrlich machen, wird die damalige fachliche Logik verdreht. Zudem lässt sich aus dem zugrunde liegenden Szenario eine Kapazitätsgrenze des Hebewerks von rund 20.272 Schiffen pro Jahr ableiten – das ist ein Wert, der sogar unter der damaligen Verkehrsprognose für das Jahr 2025 liegt.

Nur zwei unabhängige Bauwerke sorgen für Redundanz

Gerade bei schweren Havarien zeigt sich der eigentliche Wert eines zweiten Bauwerks. Der Betrieb kann überhaupt nur eingeschränkt aufrechterhalten werden, wenn zwei voneinander unabhängige Abstiegsbauwerke verfügbar sind. Eine neue Schleuse kann deshalb allenfalls zusätzliche Redundanz schaffen – aber nur, wenn das Schiffshebewerk dauerhaft erhalten und betriebsfähig bleibt. Wird die Schleuse dagegen faktisch zum Ersatz für das Hebewerk, geht genau diese Ausfallsicherheit verloren. Das Hebewerk besteht nämlich aus zwei unabhängigen Trog-Systemen.

Einzelne Schleuse kann ebenfalls zum Engpass werden 

Auch betrieblich ist die Gleichung „neue Schleuse = kein Stau mehr“ zu einfach. Eine einzelne Schleuse kann ebenfalls gewartet werden müssen, ausfallen oder selbst zum Engpass werden. Das gilt besonders dann, wenn sie zwar längere Schiffe aufnehmen kann, aber pro Vorgang langsamer arbeitet als ein Schiffshebewerk. Wird die vorhandene Hebewerkstechnik langfristig geschwächt oder ersetzt, entsteht keine echte zusätzliche Leistungsfähigkeit, sondern im ungünstigsten Fall ein System mit weniger Durchsatz, längeren Umlaufzeiten, neuen Wartepunkten oder Komplettsperrung des Kanals. Die geplante Schleuse löst das Stauproblem nicht – sie kann aus einem Wartungs- und Redundanzproblem sogar ein dauerhaftes Leistungsproblem machen.

Klimawandel stellt die Verfügbarkeit von Wasser in Frage

Hinzu kommt die Klimarealität. Der Elbe-Seitenkanal verfügt über keine natürlichen Zuflüsse, die eine wasserintensive Schleuse konfliktfrei absichern könnten. Niedrigwasser, Trockenperioden und sinkende Abflüsse der Elbe zeigen seit Jahren, dass die Verfügbarkeit von Wasser kein Randthema mehr ist. Ein Bauwerk, das bei jeder Schleusung Verlustwasser erzeugt und dieses energieaufwendig zurückpumpen muss, passt nicht mehr in diese Zeit.

VCD fordert Neubewertung des Projekts

Der VCD Elbe-Heide fordert deshalb eine ehrliche Neubewertung des Projekts. Vorrang haben der dauerhafte Erhalt des bestehenden Hebewerks, die Prüfung eines zusätzlichen oder einen der zwei Hebewerksteile ersetzenden Bau mit 115 m nutzbarer Länge als wasserneutrales Abstiegsbauwerk sowie eine transparente Bewertung von Energiebedarf, Wasserhaushalt, Klimabilanz und realistischem Verkehrsaufkommen.

„Wer Stau vermeiden will, braucht ein widerstandsfähiges System. Die Antwort auf technische Ausfälle darf nicht sein, das bessere Prinzip aufzugeben. Scharnebeck braucht Zukunftssicherheit – keinen klima- und wassertechnischen Rückschritt in Beton“, so der VCD Elbe-Heide.

Hintergrund: Vergleich Hebewerk und Schleuse

Das Schiffshebewerk Scharnebeck ist ein zentrales Abstiegsbauwerk am Elbe-Seitenkanal. In den vergangenen Jahren kam es mehrfach zu Schiffsstau, wenn Teile des Hebewerks wegen Defekten oder Instandsetzung nicht verfügbar waren. Diese Ereignisse zeigen vor allem die Bedeutung verlässlicher Redundanz – die mit dem Doppelhebewerk gegeben ist, mit der geplanten Schleuse jedoch nicht.

Fachlich entscheidend ist der Systemvergleich: Ein Schiffshebewerk arbeitet weitgehend wasserneutral und kann Schiffe schneller heben und senken. Eine Schleuse benötigt dagegen bei großer Fallhöhe und künstlich bewirtschaftetem Kanal deutlich mehr Wasserbewegung und Energie – selbst bei modernen Sparbecken bleiben rund 15 bis 20 Prozent Wasserverlust pro Schleusung bestehen. In Zeiten zunehmender Trockenheit und wiederkehrenden Niedrigwassers muss diese Frage im Zentrum der Bewertung stehen.

Mehr zum Thema

  • Lüne-Blog: VCD Elbe-Heide: Neubau einer Schleuse in Scharnebeck – Stellungnahme – 20.01.2026
    Reicht das Schiffshebewerk in Scharnebeck nicht mehr aus? Seit einigen Jahren ist hier eine neue Schleuse in Planung, „weltweit die mit Abstand höchste Schleuse dieser Bauart“ und als „vordringlicher Bedarf“ im Bundesverkehrsplan ausgewiesen. Der VCD Elbe-Heide hat das Bauvorhaben unter verschiedenen Aspekten geprüft – und sieht die Pläne kritisch.
  • NDR: Vor 50 Jahren: Damm am neuen Elbe-Seitenkanal bricht – 18.07.2026
    Nur 33 Tage nach der Eröffnung kommt es am Elbe-Seitenkanal am 18. Juli 1976 zu einer Katastrophe: Ein Damm bricht, Wasser schießt ins Umland. Wassermassen strömen auf die umliegenden Orte zu. Am schwersten treffen sie Erbstorf, ein Ortsteil der Gemeinde Adendorf. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Foto: Wolkenkratzer. Doppelschleusenanlage in Uelzen. Sparbecken und Schleuse Uelzen I (links) und Uelzen II (rechts) mit seitlichen Sparbecken. Wikipedia: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37425358Foto: Wolkenkratzer. Doppelschleusenanlage in Uelzen. Sparbecken und Schleuse Uelzen I (links) und Uelzen II (rechts) mit seitlichen Sparbecken. Die Schleuse in Scharnebeck ist mit Überbauung als geschlossener Quader geplant und deutlich größer. Wikipedia: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37425358

Lünepedia: Schiffshebewerk Scharnebeck

Das zur Bauzeit weltgrößte Doppelsenkrecht-Schiffshebewerk Scharnebeck (auch als Schiffshebewerk Lüneburg bezeichnet) wurde 1974 erbaut und bietet ein sehenswertes technisches Schauspiel. Es ermöglicht Frachtschiffen eine Höhe von 38 Metern zu überwinden. In acht Jahren Bauzeit wurde der Elbe-Seitenkanal gebaut, um eine Verbindung zwischen Elbe und Mittellandkanal zu schaffen. Auf der gesamten Strecke des Elbe-Seitenkanals wird ein Höhenunterschied von 61 Metern überwunden. Davon überbrückt die Schleuse Uelzen 23 Meter und die restlichen 38 Meter das Schiffshebewerk Scharnebeck.

Weiterlesen: https://www.luenepedia.de/wiki/Schiffshebewerk_Scharnebeck

Ergänzung oder Korrektur? Bitte Mail an redaktion@luene-blog.de – danke!
Lüne-Blog veröffentlicht Pressemitteilungen, Berichte und Veranstaltungshinweise von Parteien, Verbänden und Zusammenschlüssen: https://luene-blog.de/ueber-uns/

Lüne-Blog kannst du auch lesen bei:

Lüne-Blog bei Telegram Mastodon

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Im Rahmen der DSGVO notwendige Bedingungen - bitte lesen und akzeptieren:
Wenn du das Formular abschickst, werden Name, E-Mail-Adresse und der eingegebene Text in der Datenbank gespeichert. Für weitere Informationen wirf bitte einen Blick in die Datenschutzerklärung: mehr

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.